
Mental Coach Julian Maier stand uns auf der Latitude59 in Tallinn Rede und Antwort
Wer als Unternehmer in Deutschland gründet, sieht sich oft mit einem riesigen bürokratischen Tanker konfrontiert. Dass es auch anders geht – agiler, digitaler und unkomplizierter –, beweist das Baltikum. Auf der Startup-Konferenz Latitude59 in Tallinn haben wir uns mit Julian Maier getroffen. Er ist Mental-Fitnesstrainer, ehemaliger Projektmanager und offizieller Envoy bzw. Ambassador für das e-Residency Estland Programm.
Im Interview teilt Julian seine persönlichen Erfahrungen mit der estnischen OÜ, wie das Steuersystem funktioniert, warum weniger Bürokratie sein Hauptantrieb war und für wen es sich wirklich lohnt, eine Firma in Estland zu gründen.
Wer ist Julian Maier?
Julian Maier hat einen klassischen Hintergrund: Er hat BWL in München studiert und war anschließend einige Jahre im Marketing, Projektmanagement und der Kommunikation in der Automobilindustrie tätig. Im Jahr 2015 legte er eine harte Karrierewende hin und ist heute als Mental-Fitnesstrainer sowie als Speaker aktiv. Nebenbei betreibt er privat Kampfsport.
Heute ist er als Botschafter (Ambassador) für das e-Residency-Programm auf der Latitude59 in Tallinn, um über das Thema Remote-Arbeiten und digitale Unternehmensgründung zu sprechen.
Was war die Motivation, sich mit der e-Residency auseinanderzusetzen?
Der Impuls kam mitten in der Pandemie im Jahr 2022. Julian hatte sich seit Ende 2017 in München erfolgreiche Outdoor-Trainingsgruppen und „Mental Fitness Communities“ aufgebaut. Das Konzept wuchs, er bildete Trainer in verschiedenen Städten aus, sogar in der Schweiz und in Singapur. Doch der Lockdown fegte sein vor allem auf Live-Community-Training basierendes Startup nach zwei Jahren Aufbauarbeit komplett weg. Ohne Geld, ohne Aussichten und mit einer gefühlt weggebrochenen Community stand er vor den Trümmern seiner Existenz.
Frustriert von der aus seiner Sicht angstgetriebenen Politik und Gesellschaft in Deutschland, zog er zunächst kurzzeitig zu seiner damaligen Freundin in die Schweiz. Für ihn stand fest: Er wollte als Unternehmer weiterhin Dinge in die Welt bringen, aber nicht mehr in Deutschland. Der Schmerz, trotz des Totalverlusts der Firma weiterhin mit dem deutschen bürokratischen Papierkram belastet zu werden, drängte ihn zum Umdenken.
Er begann zu googeln, wo man weltweit am einfachsten ein Unternehmen gründen und führen kann. In der engeren Auswahl standen Irland, Rumänien, die USA und Estland. Estland überzeugte ihn schließlich durch den professionellen, emotionalen und community-fokussierten Auftritt der Website sowie durch positive Erfahrungsberichte auf YouTube. Das Programm fühlte sich für ihn an wie ein „Startup der Regierung“. Aufgrund des geringen finanziellen Risikos von damals 120 Euro für die Registrierung reichte er seine Bewerbung ein.
Parallel-Gründung in den USA: Um verschiedene Modelle zu testen, gründete Julian parallel über Stripe Atlas eine LLC in den USA. Während sich die LLC hervorragend für ihn als Einzelunternehmer eignet (da sie bei einer Pauschale von 300 Dollar jährlich ohne physische US-Struktur steuerfrei bleibt), wählte er Estland gezielt für den langfristigen Aufbau eines Teams aus
Wie funktioniert das Leben ohne festen Wohnsitz?
Nachdem sich Julian aus Deutschland und kurz darauf auch wieder aus der Schweiz abgemeldet hatte, entschied er sich für das klassische Modell des digitalen Nomaden. Er besitzt seit drei Jahren keinen festen Wohnsitz mehr und reist nur mit einem Rucksack von Ort zu Ort.
Dabei hält er sich strikt an die legalen Rahmenbedingungen: Er bleibt in der Regel nicht länger als 180 Tage innerhalb von 12 Monaten in einem Land, um keine lokale Steuerpflicht auszulösen (wobei er betont, dass man in manchen Ländern schon nach 3 Monaten aufpassen muss). Da er keinen Steuerwohnsitz hat, zahlt er de facto derzeit nirgendwo persönliche Einkommensteuer. Beim Reisen nutzt er Unterkünfte über Airbnb oder Hostelworld. Zu den Vermietern baut er oft gute Beziehungen auf, um bei längeren Aufenthalten günstigere Konditionen zu bekommen.
Wie funktioniert die E-Residency?
Das Programm richtet sich an Unternehmer weltweit, die ein Unternehmen in Estland gründen möchten. Nach einem Background-Check durch die estnische Grenzpolizei erhalten Bewerber eine digitale ID-Karte, mit der sie ihr Unternehmen online verwalten können. Julian betont, dass die E-Residency keine physische Aufenthaltsgenehmigung beinhaltet, sondern ausschließlich für die Unternehmensführung gedacht ist.
Vorteile der E-Residency:
- Einfache Unternehmensgründung: Mit der digitalen ID kann ein Unternehmen in Estland innerhalb von 15 Minuten online gegründet werden.
- Geringe Kosten: Die Einlage für eine estnische OÜ beträgt nur 1 Cent, und die Gründungskosten sind überschaubar.
- Steuerliche Vorteile: Unternehmensgewinne, die reinvestiert werden, sind steuerfrei. Erst bei Gewinnausschüttung fällt eine Flatrate von 22 % an.
- Flexibilität: Unternehmer können ihr Unternehmen remote führen, ohne in Estland leben zu müssen.
Ist die estnische OÜ mit einer deutschen GmbH vergleichbar?
Die estnische Unternehmensform heißt Osaühing (OÜ), was übersetzt so viel wie Anteilsgesellschaft bedeutet.
- Haftung: Wie bei der deutschen GmbH ist die Haftung auf die Höhe der Einlage beschränkt.
- Stammkapital: Während eine GmbH in Deutschland 25.000 Euro erfordert, liegt die Mindesteinlage bei einer estnischen OÜ bei gerade einmal einem Cent.
- Image: Obwohl die Einlage minimal sein kann, genießt die OÜ im digitalen Ökosystem volles Vertrauen und ist die Standardform für Einzelunternehmer und Teams. Julian berichtet, dass er international noch nie negativ darauf angesprochen wurde, in Estland gegründet zu haben.
Wie läuft der Anmeldeprozess ab und kann man abgelehnt werden?
Der gesamte Antragsprozess erfolgt online über die offizielle e-Residency-Website.
Abholung der ID-Karte: Nach erfolgreicher Prüfung wird eine physische digitale ID-Karte ausgestellt, die mittels eines Lesegeräts am Laptop für digitale Unterschriften genutzt wird. Diese Karte musste Julian in der estnischen Botschaft in Berlin abholen. Mittlerweile gibt es dafür auch Repräsentanzen in anderen Städten wie München. Nach Tallinn muss man dafür nicht reisen.
Antrag & Kosten: Man füllt den Antrag mit Passdaten und der Angabe der geschäftlichen Ziele aus und zahlt die Gebühr (ca. 120 Euro).
Background-Check: Der Antrag geht an die estnische Grenzschutzpolizei (Border Police). Diese führt eine strenge Hintergrundprüfung über internationale Interpol-Datenbanken durch, um Kriminelle, Drogen- oder Waffenhändler aus dem Ökosystem fernzuhalten.
Dauer: Zu Julians Gründungszeit dauerte das Verfahren etwa drei Wochen.
Kann man abgelehnt werden?
Ja, allerdings betrifft dies primär Personen mit Einträgen im Strafregister oder Bewerber aus Ländern, die auf einer politischen Blacklist stehen. Infolge des Ukraine-Kriegs betrifft dies beispielsweise standardmäßig Neuanträge aus Russland, da dies Teil des politischen Sanktionspakets ist. Ansonsten sind Julian keine Fälle bekannt, in denen seriöse Gründer ohne kriminelle Vergangenheit abgelehnt wurden.
Das estnische Community-Gefühl: Julians „Hook“
Ein ausschlaggebender Punkt für Julians Begeisterung war die Willkommenskultur des Landes. Als er seine ID-Karte in der Botschaft in Berlin abholte, wurde er direkt zu einem weihnachtlichen Community-Event für deutsche e-Residents eingeladen.
Dort traf er in lockerer Atmosphäre bei kostenlosem Essen und Trinken auf den Country Manager der DACH-Region (Mats) sowie auf ein weltweites Netzwerk aus Gründern. Statt steifer Business-Vorträge wurde sogar Karaoke gesungen. Mats lud ihn ein, sich das Land selbst anzusehen – das war Julians Einstieg in das estnische Ökosystem.

Wie viele Deutsche nutzen das Modell und was ist der Hauptgrund?
Die Anzahl deutscher e-Residents ist mit derzeit 8.137 Personen noch überraschend überschaubar. Zum Vergleich: Platz 1 belegt die Ukraine (8.300) und Platz 3 Spanien (7.500).
Allerdings steigen die Bewerberzahlen rasant: Im Jahr 2025 gab es 1.122 Neuanmeldungen aus Deutschland – ein Zuwachs von 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das faszinierende Ergebnis von Julians Recherchen: Der Hauptgrund für die Deutschen ist lustigerweise nicht primär das Sparen von Steuern, sondern schlichtweg der Wunsch nach weniger Bürokratie.
e-Residency Estland: Steuern und versteckte Kosten unter der Lupe
Welche Kosten fallen real an?
Neben der Anmeldegebühr von ca. 120 Euro benötigt man zur tatsächlichen Gründung der OÜ noch einmal etwa 250 bis 300 Euro. Da man als Digitalbürger eine postalische Anschrift und eine offizielle Repräsentanz in Estland vorweisen muss, bucht man einen sogenannten lokalen Agenten (Service-Unternehmen wie Xolo etc.), der auch das Accounting (die Buchhaltung) übernimmt. Julian nutzt ein günstiges Starterpaket, das sich auf wenige hundert Euro im Jahr beläuft. Versteckte Kosten gibt es keine.
Wie funktioniert das Steuersystem der OÜ?
Estland operiert mit einem der fairsten Steuersysteme weltweit, das Julian mit einem schützenden „Gewächshaus“ vergleicht.
- Thesaurierung (0% Steuern): Solange Gewinne im Unternehmen verbleiben und reinvestiert werden, zahlt das Unternehmen 0 Prozent Gewerbesteuer, Unternehmenssteuer oder Körperschaftsteuer. Die Substanz der Firma wird geschützt, solange sie wächst.
- Gewinnausschüttung: Erst wenn Gewinne aktiv aus dem Unternehmen an die Eigentümer ausgeschüttet werden, greift eine Flatrate-Steuer von aktuell 22 Prozent.
- Geschäftsführergehälter: Gehälter für Geschäftsführer, die in einem verhältnismäßigen Rahmen liegen, gelten rechtlich nicht als Gewinnausschüttung.
Wichtiger Hinweis zum Steuerwohnsitz in Deutschland
Rechtlicher Disclaimer: Julian und auch wir sind keine Steuerberater. Bei rechtssicheren Steuerfragen muss immer ein Experte konsultiert werden.
Julian stellt jedoch klar: Wer seinen festen Wohnsitz und Lebensmittelpunkt (Permanent Establishment) in Deutschland hat, für den lohnt sich eine estnische OÜ steuerlich nicht. Durch das bestehende Doppelbesteuerungsabkommen greift bei einem deutschen Wohnsitz das deutsche Steuerrecht, wodurch auch deutsche Körperschaftsteuern anfallen und sämtliche steuerlichen Vorteile Estlands verpuffen. Das Modell entfaltet seine Kraft nur, wenn man sich aus Deutschland abmeldet oder in Ländern mit vorteilhaften Auslandseinkunfts-Regelungen (wie früher z.B. Portugal) lebt.
Missverständnisse rund um die E-Residency – und wo ist der Haken?
Julian räumt mit einigen Missverständnissen auf, die häufig mit der E-Residency verbunden werden:
- „Es geht nur um Steuerersparnis.“ – Für Julian war die geringe Bürokratie der Hauptgrund, nicht die Steuern. „Ich zahle gerne Steuern, wenn das System mich unterstützt,“ sagt er.
- „Man braucht einen Wohnsitz in Estland.“ – Das Programm ist komplett digital und erfordert keinen physischen Aufenthalt in Estland.
- „Es gibt versteckte Kosten.“ – Laut Julian sind die Kosten transparent und überschaubar. Neben der Gründungsgebühr fallen lediglich geringe jährliche Kosten für einen lokalen Agenten an.
Einen Haken gibt es nicht – außer, dass sich das Programm an hauptsächlich remote arbeitenden Menschen orientiert. Estland ist sehr klein und fokussiert sich daher auf die europäischen Märkte. Unternehmen sollten daher global denken, nicht auf Estland begrenzt, sonst ist das Programm möglicherweise nicht das richtige.
Für welche Branchen eignet sich die e-Residency (und für welche nicht)?
Das digitale Format der e-Residency ist maßgeschneidert für ortsunabhängige Geschäftsmodelle:
Nicht geeignet: Klassische Fabrikanten, das produzierende Gewerbe, ortsgebundene Handwerksbetriebe oder Gründer, die fest in Deutschland und dem dortigen Ökosystem verankert bleiben wollen.
Ideal geeignet: Consulting/Beratung, IT-Dienstleistungen, Softwareentwicklung, Online-Workshops und digitales Coaching. Also für Menschen, die das mobile Leben als Lebenseinstellung begreifen.
Der Vergleich: Der „deutsche Tanker“ gegen das „estnische Speedboot“
Julian zieht ein klares Fazit aus seinen Erfahrungen: Deutschland ist ein riesiger, träger Tanker. Er bietet Sicherheit und ein gewaltiges Marktvolumen – allein der Wirtschaftsraum München ist wirtschaftlich sechs- bis siebenmal so groß wie ganz Estland.
Estland hingegen ist ein kleines, wendiges Speedboot mit nur 1,3 Millionen Einwohnern. Da der Inlandsmarkt winzig ist, wird hier von vornherein alles direkt für den Weltmarkt gebaut. Politiker treten hier nahbar und unkompliziert wie Startup-Gründer auf. Durch die digitale Transparenz ist das System extrem sauber: Da jeder jeden kennt, fliegen unseriöse „Fake-Unternehmen“ schnell auf.
Estland dient somit als optimales internationales Sprungbrett für Unternehmer, die global agieren wollen und die extrem hohe Dichte an gleichgesinnten, international orientierten Gründern suchen.
Wie regelt man als digitaler Nomade die Krankenversicherung?
Eine der häufigsten Praxisfragen von Gründern ohne festen Wohnsitz betrifft die Gesundheit. Julian nutzt eine spezielle Auslands-Krankenversicherung für digitale Nomaden namens Safety Wing. Er hat den Essential Plan abgeschlossen und zahlt dafür rund 112 Euro pro Monat.
Diese Tarife sind deshalb so günstig, weil sie primär Unfälle und akute Erkrankungen auf Reisen abdecken, jedoch keine chronischen Vorerkrankungen übernehmen. Zudem sind sie oft nur bis zu einem bestimmten Alter (ca. 69 oder 70 Jahre) abschließbar, da statistisch die höchsten Krankenkosten im letzten Lebensjahr anfallen. Für das Leben „on Tour“ ist es jedoch eine absolut empfehlenswerte Lösung
Fazit: Warum Estland?
Julian ist begeistert von der unternehmerfreundlichen Kultur in Estland. „Estland fühlt sich an wie ein Start-up von der Regierung,“ sagt er. Die schlanken Prozesse, die digitale Infrastruktur und der Community-Spirit machen das Land zu einem idealen Ort für innovative Unternehmer. Für Julian ist die E-Residency ein Sprungbrett, um international tätig zu sein, ohne sich von Bürokratie ausbremsen zu lassen.
Kontakt zu Julian Maier
Wer mehr über Julian und seine Arbeit erfahren möchte, kann ihn auf Instagram unter @julianmentalsixpack oder auf LinkedIn finden. Dort teilt er weitere Einblicke in seine Erfahrungen mit der E-Residency und seine Arbeit als Mental-Fitness-Trainer.

